Taiji und Qigong - ein Vergleich
| Dr. Christa Proksch Beethovenstraße 20 28202 Bremen |
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Ich danke für die Gelegenheit, vor einer so zahlreichen Zuhörerschaft über ein Thema sprechen zu können, das immer häufiger zur Sprache kommt, nämlich einen Vergleich zwischen Taiji und Qigong anzustellen. Besonders seitdem Qigong immer bekannter geworden ist und entsprechend hohe Heilserwartungen daran geknüpft werden, wird die Frage nach dem Unterschied immer häufiger gestellt. Ich freue mich besonders, dass zwei Vertreter des ursprünglichen Wissens um Qigong und Taijiquan aus China unter uns sitzen. Sie kommen nicht nur aus dem Ursprungsland China, sondern direkt aus dem daoistischen Tempel des Wudangshan, der als Geburtsstätte des Taijiquan gilt. Zu unserem Thema überwiegt die Meinung, dass „Taiji eine Art von Qigong“ ist, nur mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Das ist nicht ganz falsch, aber ich möchte es etwas anders formulieren, um diesen unterschiedlichen Schwerpunkten genauer auf die Spur zu kommen: Machen wir dazu eine „Familienaufstellung“. Danach sind Taijiquan und Qigong Geschwister gleicher Eltern – der chinesischen Kultur – wobei die Übungen des Qigong erheblich früher geboren worden sind. Und wie das mit Geschwistern zu sein pflegt, haben sie sich in unterschiedliche Richtungen hin entwickelt. Sie sind im Laufe von Jahrhunderten aber so ähnlich geblieben, dass die geschwisterliche Ähnlichkeit immer noch unübersehbar ist bzw. die Unterschiede überwiegt. Die gemeinsamen Eltern gaben ihnen den schönen Namen „Übungen zur Lebenspflege“. Bis zum heutigen Tag würde dieser Name für Taiji ebenso wie für Qigong zutreffen. Aber die Auseinanderentwicklung, die sich im Laufe von Jahrhunderten herauskristallisierte, führte dazu, dass sie sich fast zeitgleich neue Namen zugelegt haben; Namen, die ihren besonderen Schwerpunkten Rechnung trugen. Vor etwa 500 Jahren, die Zeit lässt sich nicht genau
festlegen, tauchte der Name Taijiquan auf. Damit wird unmissverständlich
die Zuordnung zu den Kampfkünsten ausgedrückt, aus deren alter Tradition
das Taijiquan ja auch hervorging. Im Gegensatz zum Taijiquan scheint mir das, was heute
in China und inzwischen auch im Westen als Qigong angeboten wird,
verständlicherweise nur noch ein Abglanz dessen zu sein, was es in alten
Zeiten war. Ich bin auf dieses Yijinjing gestoßen, als ich Anfang
der 70er Jahre in Taipei immer morgens vor Tau und Tag zum Taiji – Üben
aufbrach. Da traf ich auf einen hageren, uralten Chinesen, der sich
unglaublich jung und tänzerisch bewegte. Das war ein so faszinierender
Anblick, dass ich unbedingt von ihm erfahren musste, was er da triebe. Ich musste an die Brüder Grimm denken, die sich im vorigen Jahrhundert in Deutschland gerade noch rechtzeitig die alten Volksmärchen von alten Frauen erzählen ließen, um sie nicht aussterben zu lassen. Ich hätte gerne in Bezug auf dieses faszinierende Qigong Brüder (Schwester) Grimm gespielt. Aber die wahrscheinlich 4 Jahre, die ich damit zugebracht hätte, waren in meinem Lebensplan nicht vorgesehen. Also habe ich selber dazu beigetragen es aussterben zu lassen! Ich erzähle dieses Ereignis eigentlich nur als par
pro toto, um anhand dieser selbsterlebten Geschichte aufzuzeigen, wie
uraltes Wissen sich nicht von alleine unendlich weitervererbt. Es muss
immer jemand da sein, der die Verantwortung übernimmt, es weiterzugeben! Unser Thema fordert nun dazu heraus, auf diese Veränderungen hinzuweisen. Und deshalb mache ich jetzt einen großen Sprung in die Gegenwart: Wie empfinden wir heute Taiji und Qigong im Vergleich? Das ist natürlich der schwierigste Teil meiner
Ausführungen – und, ich möchte gleich darum bitten, alle kritischen
Anmerkungen dazu zu speichern! Leichter gesagt als getan! Aber für bereits erkrankte, die oft durch Krankschreibung mehr Zeit gewonnen haben, der beste Ratschlag. Ich habe die Fragestellung dieses Vortrags auch an meine unterrichtenden Schüler weitergegeben, um deren Erfahrungen mit einbeziehen zu können. Da gab es u.a. die allgemeine Feststellung, dass
Leute mit Taiji – Erfahrung viel leichter in den Qi – Zustand gelangen.
Sie haben sich über Taiji eine Körperhaltung aneignen können, die für die
meisten Qigong – Arten grundlegend wichtig ist: Wenn man ohne alle Vorkenntnisse mit Qigong beginnt,
braucht man schon einen sehr guten Lehrer, um die Haltung so zu
korrigieren, wie es das Taiji aus sich selbst heraus tut. Im Übrigen haben die spürbar positiven Heilwirkungen von diesem Qigong bewirkt, dass fast alle Krebs – Patientinnen und Patienten die Übungen in ihr tägliches Übungsprogramm zu Hause aufgenommen haben. Das sollte nur ein Beispiel von Heilwirkung aufzeigen. Ansonsten wird dem Qigong in erster Linie eine vorbeugende Wirkung zugeschrieben, worin Taiji und Qigong einander wieder ähneln. Für beides gilt der schöne Satz von Laozi: Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist; Man muss ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist. Für Qigong und Taiji gilt in gleichem Maße, dass eine Gesunderhaltende Heil – Wirkung von ihnen ausgeht, wozu zu sagen wäre, dass die Heilwirkung von Taijiquan sehr viel langfristiger anzusetzen sind als bei den meisten Qigong – Arten. Das hängt natürlich auch mit der Kompliziertheit des Taiji zusammen. Man braucht einfach viel länger Zeit, um es als Bewegungs – und Haltungsduktus zu verinnerlichen. Wenn das durch regelmäßiges und langes Üben erreicht worden ist, greift es allerdings auf alle Verhaltensweisen des Daseins über und verändert gleichermaßen Geist und Körper. Taijiquan wird zum Lebensmuster! Dieses Lebensmuster bezieht sich im Taiji stärker als
beim Qigong auf den kommunikativen Aspekt des Daseins. Die Taiji – Frage
lautet: Wie reagiere ich auf meine Umwelt, besonders wenn ich angegriffen
werde? Bei allen Ähnlichkeiten ergibt sich der Unterschied, dass Qigong mehr eigenbezogen ist während Taijiquan sich mehr auf das Verhältnis zum Mitmenschen und zur Welt bezieht. Die Taiji – Haltung ist auf den Partner im Kampf bezogen und schult Körper und Geist daraufhin, dass man so gut zwischen Himmel und Erde aufgehangen und dementsprechend verwurzelt sein muss, dass man es nicht nötig hat, dem Gegner gegenüber Härte zu zeigen, sondern ihn gelassen in die Leere laufen lassen kann. Hier gilt mein Lieblingssatz aus dem Brecht – Gedicht über Laozi auf dem Wege in die Emigration: Dass das weiche Wasser in Bewegung auf die Dauer selbst den harten Stein besiegt; Du verstehst: das Harte unterliegt! Dieses Lebensmuster (was unserer aggressiven Gegenwart besonders Not täte) ist ganz spezifisch dem Tajiquan zuzuschreiben. Dadurch wird eine innere Haltung erzeugt, die dem Wu Wei entspricht; der Haltung des nicht – absichtsvollen Handelns. Dieser Prozess der geistigen Läuterung wurde zur Lebenspflege verbunden, aber im Taijiquan als Kampfkunst ist er in den Partner – Übungen konkreter zu erfahren und auch besser zu überprüfen. Die Wirkungen des Qigong sind natürlich auch nur langfristig zu überprüfen; in China sind inzwischen viele Untersuchungen dazu gemacht worden. Über die Entwicklung in China möchte ich mir kein Urteil erlauben, aber was man hier verfolgen kann, scheint mir eher eine Tendenz zur Funktionalisierung aufzuweisen. Nicht nur zur Funktionalisierung sonder auch zur
Spezialisierung hin scheint die moderne Entwicklung des Qigong zu gehen!
Die Lehren, die in alten Zeiten ganzheitlich aus der Entsprechung mit dem
Universum hervorgingen, sind heute auf die Heilung benennbarer Krankheiten
oder Meridiane hingerichtet. Ich will mich da gerne eines anderen belehren
lassen, aber ich sehe mit gewisser Trauer auch in Veröffentlichungen und
Lehrangeboten diese Tendenz zur Spezialisierung. Noch am Anfang der 70er Jahre wurde mir in Taiwan in einer Taiji – Gruppe von Dr. Tao aufs Strengste untersagt, auch nur irgendetwas von dem hier Gelernten an andere Personen weiterzugeben. Das war schon eine Zeit, wo Taijiquan längst öffentlich in Parks unterrichtet wurde. Und trotzdem spukte noch die Geheimhaltung der Kampfkünste in den Köpfen. Das hat sich augenscheinlich in den letzten Jahren entscheidend geändert. Ebenso habe ich es mit dem Qigong erlebt: Ende der 80er Jahre wurde ich an Meister Lu Xue Zhi in Qin Huang Dao empfohlen, der zuerst etwas zögerte, das bis dahin geheim gehaltene Fan Teng Gong an eine Ausländerin weiterzugeben. Aber schließlich fasste er Vertrauen zu mir und gab mir eine offizielle Lehrerlaubnis für Deutschland mit dem Zusatz: Wir können nicht mehr verantworten, derart heilsames Wissen nur einem kleinen Kreis vorzubehalten während es der Menschheit immer schlechter geht! gib es weiter zum Wohle der Menschheit. Stichwort: Globalisierung, in die sich selbst diese uralten Lebenspraktiken einfügen. Dazu gehört auch ein allgemeiner Trend, der aus dem Elitären herausführt zur Allgemeinheit hin. Derlei Tendenzen vermindern natürlich die Qualität der Praktiken eher als das sie sie verbessern. Was uns dazu veranlassen sollte. immer wieder ad fontes zu gehen, d.h. die Quellen aufzusuchen, soweit es noch möglich ist! Dazu noch einmal mein besonders herzliches Willkommen für die beiden Taiji – und Qigong – Meister aus den Wudang – Bergen! Zusammenfassung Gemeinsamkeiten von Taiji und Qigong Gemeinsame Wurzeln in der chinesischen Naturphilosophie Gleichzeitigkeit von Vorbeugung und Heilung körperlicher und psychischer Schwierigkeiten Ähnliche Entwicklungen zur Spezialisierung und Vereinfachung hin. Unterschiede von Taiji und Qigong Die ungleich größere Kompliziertheit des Taiji, was es zu einer Art hoch verdichteten Kunstform macht Im Gegensatz dazu die Tendenz zur Funktionalisierung des Qigong zur spezialisierten Heilweisen hin Fazit Taiji und Qigong sind zwei zutiefst verwandte Geschwister mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
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Quelle: |
Qigong und Yangsheng - Vorträge der 4. Deutschen Qigong -
Tage in Bonn Von den Wurzeln in Daoismus und Heilkunde bis zur heutigen Anwendung Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft - Uelzen http://www.mlverlag.de |
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